[applaus] Vielen Dank. Liebe Gäste, liebe Bürgerinnen und Bürger von Auen Tal, ich freue mich sehr, dass Sie heute so zahlreich gekommen sind. Wir feiern ein besonderes Jubiläum. Vor 750 Jahren wurde unser Ort zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt. Das war im Jahr 12 74. Damals war Auen Tal ein kleiner Weiler mit drei Höfen und einer Mühle am Bach. Heute leben hier fast viertausend Menschen. [applaus] Ich möchte Ihnen heute keine lange Geschichtsstunde halten. Dafür haben wir Frau Dr. Jorinde Haber Kamp vom Kreisarchiv eingeladen, die gleich noch zu Ihnen sprechen wird. Ich möchte lieber erzählen, was dieser Ort für uns bedeutet. Und ich möchte erzählen, was wir in den nächsten Jahren vorhaben. Fangen wir mit der Mühle an. Die alte Mühle am Linden Bach steht noch heute. Sie hat viele Besitzer gehabt. Sie ist zweimal abgebrannt und zweimal wieder aufgebaut worden. Seit dem 3. Oktober 1990 gehört sie der Gemeinde. Viele von Ihnen kennen sie als Heimatmuseum. Manche kennen sie auch als den Ort, an dem sie ihren ersten Kuss bekommen haben. Ich nenne keine Namen. [lachen] Die Mühle ist ein gutes Beispiel für das, was Auen Tal ausmacht. Wir bauen wieder auf, wenn etwas kaputtgeht. Wir geben nicht auf. Und wir machen das gemeinsam. Das klingt vielleicht nach einer Floskel. Aber ich habe es selbst erlebt. Als vor zwölf Jahren das Hochwasser kam, standen am nächsten Morgen über zweihundert Menschen mit Schaufeln und Eimern vor dem Rathaus. Niemand hatte sie gerufen. Sie waren einfach da. Ich erinnere mich an eine ältere Dame aus der Bachstraße. Ihr Keller stand bis zur Decke unter Wasser. Sie hat trotzdem für alle Helfer Kaffee gekocht. Sie hat gesagt, das Wasser geht wieder, aber die Nachbarn bleiben. Diesen Satz habe ich mir gemerkt. Er hängt heute als Spruch in meinem Büro. Liebe Gäste, ein Jubiläum ist ein guter Anlass, um zurückzuschauen. Es ist aber auch ein guter Anlass, um nach vorn zu schauen. Und da gibt es einiges zu tun. Ich will Ihnen drei Dinge nennen, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen werden. Das erste ist die Schule. Unsere Grundschule ist über hundert Jahre alt. Das Gebäude ist schön, aber es ist zu klein geworden. Wir haben im letzten Jahr so viele Kinder eingeschult wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das ist eine gute Nachricht. Es bedeutet aber auch, dass wir anbauen müssen. Der Gemeinderat hat den Anbau im Frühjahr beschlossen. Die Bauarbeiten beginnen im nächsten Sommer. Wenn alles gut geht, ziehen die Kinder in zwei Jahren in die neuen Räume. Das zweite ist der Verkehr. Viele von Ihnen ärgern sich über die Lastwagen, die durch die Hauptstraße fahren. Ich ärgere mich auch. Seit Jahren reden wir über eine Umgehungsstraße. Seit Jahren passiert wenig. Ich will Ihnen nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Aber ich kann Ihnen sagen, dass das Land die Planung jetzt endlich aufgenommen hat. Das ist ein erster Schritt. Es werden noch viele Schritte folgen müssen. Das dritte ist die Nahversorgung. Seit der Bäcker an der Kirche geschlossen hat, gibt es im Ortskern kein Geschäft mehr. Wer kein Auto hat, muss mit dem Bus nach Linden Brunn fahren. Das ist für viele ältere Menschen ein Problem. Wir haben deshalb mit einer Genossenschaft gesprochen, die Dorfläden betreibt. Die Gespräche sind gut gelaufen. Ich hoffe, dass wir Ihnen im Herbst mehr dazu sagen können. [applaus] Ich weiß, dass das alles nicht spektakulär klingt. Eine Schule, eine Straße, ein Laden. Aber genau darum geht es in einer Gemeinde wie unserer. Es geht nicht um große Worte. Es geht darum, dass das Leben hier gut funktioniert. Für die Kinder, für die Familien, für die Älteren. Lassen Sie mich noch etwas zum Ehrenamt sagen. Ohne die Vereine wäre Auen Tal ein anderer Ort. Wir haben einen Sportverein, einen Gesangverein, eine freiwillige Feuerwehr, einen Heimatverein und einen Kleintierzuchtverein. Wir haben eine Theatergruppe, die jedes Jahr im Winter ein Stück aufführt. Und wir haben seit drei Jahren ein Repaircafé, in dem Menschen ihre kaputten Toaster und Fahrräder reparieren lassen können. Das alles funktioniert nur, weil Menschen ihre freie Zeit hergeben. Sie tun das ohne Bezahlung und oft ohne Dank. Deshalb möchte ich heute ausdrücklich Danke sagen. Danke an alle, die sich engagieren. Sie sind das Herz dieser Gemeinde. [applaus] Ein besonderer Dank geht an die Freiwillige Feuerwehr. Sie feiert in diesem Jahr ebenfalls ein Jubiläum, nämlich ihr hundertfünfzigjähriges. Der Wehrführer Bernd Ols Hausen hat mir erzählt, dass die erste Spritze noch von Pferden gezogen wurde. Heute hat die Wehr zwei moderne Fahrzeuge. Aber eines ist gleich geblieben. Wenn die Sirene geht, lassen die Frauen und Männer alles stehen und liegen und rücken aus. Das verdient unseren Respekt. Liebe Gäste, wir haben für das Jubiläumsjahr ein Programm vorbereitet, das sich über den ganzen Sommer zieht. Ich will Ihnen nur einige Höhepunkte nennen. Im Juni gibt es ein Mühlenfest mit Führungen und einem Markt. Im Juli zeigt die Theatergruppe ein Stück über die Geschichte des Ortes. Im August feiern wir ein Dorffest auf dem Anger mit Musik und Tanz. Und im September gibt es eine Ausstellung im Rathaus mit alten Fotos aus Auen Tal. Für diese Ausstellung suchen wir übrigens noch Bilder. Wenn Sie zu Hause alte Fotos haben, z. B. von Hochzeiten, von Festen oder einfach vom Alltag, dann bringen Sie sie bitte ins Rathaus. Wir scannen sie und geben sie Ihnen sofort zurück. Frau Haber Kamp hat mir versichert, dass solche Bilder für das Archiv ein großer Schatz sind. Ich möchte auch etwas zu unseren Partnern sagen. Seit über dreißig Jahren haben wir eine Partnerschaft mit der Gemeinde Saint Maur in Frankreich. Eine Delegation aus Saint Maur ist heute hier. Bienvenue, liebe Freunde. Wir freuen uns sehr, dass Sie die weite Reise auf sich genommen haben. [applaus] Die Partnerschaft hat mit einem Schüleraustausch angefangen. Inzwischen gibt es Besuche der Vereine, der Feuerwehren und der Chöre. Es gibt sogar zwei Ehen, die aus dieser Partnerschaft entstanden sind. Auch hier nenne ich keine Namen. Meine Damen und Herren, ich habe vorhin gesagt, dass wir wieder aufbauen, wenn etwas kaputtgeht. Das gilt nicht nur für Gebäude. Es gilt auch für das Miteinander. Auch bei uns gibt es Streit. Es gibt Streit über den Windpark, über die Parkplätze am Friedhof und über die Frage, ob der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz echt sein muss oder aus Plastik sein darf. [lachen] Streit gehört dazu. Aber wir sollten uns dabei nicht aus den Augen verlieren. Wir sollten miteinander reden und nicht übereinander. Wir sollten zuhören, auch wenn es schwerfällt. Das ist nicht immer einfach. Ich schaffe das auch nicht immer. Aber ich bemühe mich. Lassen Sie mich zum Schluss noch eine kleine Geschichte erzählen. Als ich vor sechs Jahren zur Bürgermeisterin gewählt wurde, hat mir mein Vorgänger einen Schlüssel gegeben. Es war kein Schlüssel für das Rathaus. Es war der Schlüssel für den Kirchturm. Er hat gesagt, wenn du einmal nicht weiterweißt, dann steig da hoch und schau dir den Ort von oben an. Ich habe das ein paar Mal gemacht. Von oben sieht man die Dächer, die Gärten, den Bach und die Mühle. Man sieht die Felder und den Wald. Man sieht, wie klein der Ort ist und wie viel trotzdem darin steckt. Und man merkt, dass die meisten Probleme von dort oben ein bisschen kleiner aussehen. Ich möchte, dass dieser Ort auch in fünfzig Jahren noch ein Ort ist, an dem man gern lebt. Ein Ort, an dem Kinder zur Schule laufen können. Ein Ort, an dem ältere Menschen nicht allein sind. Ein Ort, an dem man sich kennt und sich hilft. Daran arbeiten wir. Und dafür brauchen wir Sie alle. Bevor ich jetzt das Wort an Frau Dr. Haber Kamp übergebe, möchte ich noch einigen Menschen danken. Ich danke dem Festausschuss, der seit über einem Jahr dieses Jubiläum vorbereitet. Ich danke dem Bauhof, der den Platz so schön hergerichtet hat. Ich danke dem Gesangverein für die Musik. Und ich danke den Landfrauen für den Kuchen, den Sie nachher alle probieren sollten. [lachen] Ich wünsche uns allen ein schönes Fest und ein gutes Jubiläumsjahr. Auf die nächsten 750 Jahre. Vielen Dank. [applaus] Ja, vielen Dank, Frau Bürgermeisterin. Liebe Gäste, ich bin Jorinde Haber Kamp und leite das Kreisarchiv. Ich darf Ihnen heute ein wenig über die Geschichte von Auen Tal erzählen. Keine Sorge, ich halte mich kurz. Die Urkunde aus dem Jahr 12 74 liegt bei uns im Archiv. Sie ist auf Pergament geschrieben, in lateinischer Sprache, und sie ist erstaunlich gut erhalten. Es geht darin um einen Streit über Wasserrechte. Zwei Klöster stritten sich darüber, wer die Mühle am Bach nutzen darf. Der Ort selbst wird nur nebenbei erwähnt. Aber er wird erwähnt, und deshalb feiern wir heute. Was wissen wir über die Menschen, die damals hier gelebt haben? Leider nicht viel. Sie konnten nicht schreiben, und so haben sie uns keine Briefe oder Tagebücher hinterlassen. Was wir wissen, stammt aus Abgaberegistern, aus Gerichtsakten und aus Kirchenbüchern. Daraus können wir aber erstaunlich viel ablesen. Wir wissen z. B., dass im Jahr 1580 in Auen Tal elf Familien lebten. Wir wissen, dass sie vor allem Roggen und Hafer anbauten. Wir wissen, dass es im Jahr 1636 eine schwere Pest gab, an der fast die Hälfte der Menschen starb. Und wir wissen, dass der Ort sich danach nur langsam erholt hat. Ein besonderer Fund ist ein Gerichtsprotokoll aus dem Jahr 1712. Darin klagt ein Müller namens Kaspar Ols Hausen gegen seinen Nachbarn, weil dessen Ziegen immer wieder in seinen Garten eingedrungen seien. Das Gericht gab dem Müller recht. Der Nachbar musste einen Zaun bauen und zwei Hühner als Entschädigung zahlen. [lachen] Ich erzähle Ihnen das nicht nur, weil es lustig ist. Ich erzähle es, weil es zeigt, dass die Menschen damals ganz ähnliche Sorgen hatten wie wir heute. Es ging um den Garten, um den Nachbarn, um ein bisschen Gerechtigkeit. Der Name Ols Hausen ist übrigens bis heute im Ort zu finden. Vielleicht ist der Wehrführer ja ein Nachfahre des Müllers. Im neunzehnten Jahrhundert hat sich Auen Tal stark verändert. Im Jahr 1868 wurde die Bahnstrecke nach Linden Brunn gebaut. Plötzlich konnten die Bauern ihre Waren in die Stadt bringen. Es entstanden eine Ziegelei und eine kleine Weberei. Die Einwohnerzahl hat sich in wenigen Jahrzehnten verdoppelt. Das zwanzigste Jahrhundert war auch hier eine Zeit der Brüche. Zwei Weltkriege haben viele Familien getroffen. Auf dem Friedhof erinnert ein Denkmal an die Gefallenen. Nach dem 2. Weltkrieg kamen viele Vertriebene in den Ort. Sie mussten untergebracht werden, oft in sehr engen Verhältnissen. Für die Alteingesessenen war das nicht leicht, und für die Neuen noch weniger. Aber auch hier hat sich gezeigt, was die Bürgermeisterin vorhin beschrieben hat. Mit der Zeit sind die Neuen zu Nachbarn geworden. Sie haben Häuser gebaut, Vereine gegründet und Familien gegründet. Heute weiß kaum noch jemand, wessen Großeltern damals gekommen sind und wessen Großeltern schon immer hier waren. Liebe Gäste, Archive sind keine staubigen Orte. Sie sind das Gedächtnis einer Gemeinschaft. Und dieses Gedächtnis lebt davon, dass Menschen etwas hineingeben. Deshalb unterstütze ich den Aufruf der Bürgermeisterin ausdrücklich. Bringen Sie Ihre Fotos, Ihre Briefe, Ihre Erinnerungen. Was heute alltäglich erscheint, ist in hundert Jahren ein wertvolles Zeugnis. Ich habe Ihnen eine kleine Auswahl mitgebracht. Im Foyer des Rathauses hängen ab heute Kopien der Urkunde und einiger anderer Dokumente. Schauen Sie sie sich gern an. Und wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie mich an. Ich bin den ganzen Nachmittag hier. Ich wünsche Ihnen ein schönes Fest. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. [applaus]